29.Dez 1996, der schrecklichste Tag in meinem Leben! Mein Trakehner “Marco” wurde bei einem Unfall getötet. Er und 5 andere Pferde sind nachts bei Neuschnee irgendwie aus dem Offenstall ausgebrochen, doch alle Hinweiße Sprachen dafür, dass der Zaun mutwillig zertört und die Pferde fortgejagt wurden. Denn sie sind panisch davongaloppiert. Morgends um 5 Uhr auf der Landstraße. Es kam ein Kleintransporter. Marco hatte keine Chance. Er ist frontal in den Transporter gerannt. Man erzählte mir, dass er sofort tot war, und das will ich auch glauben. Alles was ich noch von ihm hatte, war das Blut im Schnee am nächsten Tag! Mir hat es das Herz zerissen! Ich werde Marco nie vergessen! (1975-1996)
Shahi el Fury – der Widerspenstige
Nach dem traurigsten Silvester meines Lebens, ermutigte mich meine Freundin den kleinen Shahi nochmal zu besuchen. Ich hatte ihn im Mai schon einmal gesehen, da war er gerade 2 Wochen alt und ich total vernarrt in ihn. Damals wußte ich noch nicht, dass das Schicksal mich wieder zu ihm bringen würde. So war es dann auch. Wir sind nach Gschwend im Schwäbischen Wald gefahren. Ich wußte, Shahi sollte verkauft werden. Dann stand er vor mir. Ein kleiner schwarzer Kerl mit großen dunklen Augen. Noch gelähmt von meiner Trauer habe ich den Entschluss gefasst: Ich kaufe ihn! Doch wo soll er hin? Was mache ich mit ihm? Ich habe gar keine Ahnung von Fohlen und schon gar keine von einem Hengst!
Wir haben mit Ivonne und Ewald ausgemacht, Shahi kann da bleiben. Ihr halbwüchsiger Andalusier Hengst braucht einen Kumpel und sie können zusammen den ganzen Tag auf der Koppel zusammen ihre Hengstspielchen ausleben. Nachts kommen sie dann mit den Stuten in den Stall und jeder hat eine eigene Schlafbox. Das hörte sich gut an. Die beiden Hengstchen haben auch gleich Freundschaft geschlossen und obwohl Lucero ein Jahr älter war, hat sich Shahi gut gegen ihn behauptet. Die beiden haben heftig ihre Manneskraft im Spiel getestet.
Shahi wurde schnell extrem selbstbewusst und meine Unerfahrenheit machte es mir nicht leicht mit ihm. Auf Spaziergängen wollte er auch bei mir den “Starken” miemen. Er fing an mich zu beissen und sich gegen mich aufzulehnen. Ich war sehr oft verzweifelt und war mit meinen Nerven am Ende, denn dieses Pferdchen war ein kleiner Teufel! Er war zu stark für mich und hatte keine Achtung vor mir, wie auch? Ich konnte ihm kein Vertrauen geben, da ich selbst in mich keines hatte. Ich konnte ihm nicht souverän gegenübertreten. Shahi hat das gespürt. Er hat sich nur hengsttypisch verhalten. Das machte mir Angst!
Die Angst war zu der Zeit mein ständiger Begleiter und nicht nur auf Shahi bezogen. Aber er hat sie gnadenlos an die Oberfläche befördert und mich mit ihr konfrontiert. Ich hätte aufgeben können und verloren. Doch irgend etwas hat mich stets daran gehindert. Mein ganzes Leben lang. Das war gut so. Ich musste mich mit mir auseinandersetzten um wachsen zu können. Viele persönliche Täler durchschreiten um dort zu anzukommen wo ich heute bin.
Caprichosa trat in unser Leben…Oktober 1998
Caprichosa, auf Deutsch: die Launenhafte, kapriziöse. Launenhaft ist sie eigentlich nicht, aber kapriziös beschreibt ihren Charakter sehr gut.
Ich kenne Caprichosa, seit sie 9 Monate alt ist. Da kam sie zusammen mit ihrer Halbschwester direkt aus Spanien. Caprichosa ist in Toledo geboren und ich weiß nicht wie sie ihre 9 Monate in Spanien verbracht hat. Meine Bekannte Ivonne hatte die zwei Stütchen gekauft. Sie beauftragte ein Transportunternehmen, und so kamen sie nach langer Reise in Deutschland an. Sie waren ein Bild des Jammerns. Gezeichnet von den Strapazen des Transports, total abgemagert und verängstigt. Eigentlich ist so eine Reise unzumutbar. Es ist ja für erwachsene Pferde schon eine Tortour, aber für Pferdekinder um ein Vielfaches schlimmer. Sie wurden ja ein paar Monate zuvor schon von ihrer Mutter getrennt, was ja an sich schon ein Trauma bedeuten kann.
Die Monate nach der Trennung verbrachten die zwei Geschwister auch in der Nähe von Toledo, in einem Ausbildungs,- Zucht und Verkaufsstall. Ich war 1998 selbst mit Ivonne dort. Wir haben drei Wochen dort gearbeitet und ich habe viele unschöne Dinge erlebt. Wir sind viel herumgekommen und was ich dort alles gesehen habe war teilweise extrem tierschutzwidrig! Ich weiss unter anderem wie sie in diesem Stall Fohlen Absetzer “verladen”. Die Spanier gehen mit ihren Pferden alles andere als zimperlich um. Man muss beim Verladen wohl mehr von “auf den Hänger schmeissen” reden. Ich konnte das dort mit eigenen Augen sehen. Es wurde der Transporter vor den Halleneingang gestellt und die zu verladenen Fohlen nach Wildwestmanier in der Halle gejagt und mit zwei, drei Männern und roher Gewalt festgehalten, und dann auf den Hänger bugsiert. Das muss für die scheuen Pferdekinder die Hölle sein! So muss es meiner Capri auch ergangen sein!
Also, da waren sie nun. Zwei PRE Stütchen, die bis zu diesem Zeitpunkt wohl mit den Menschen keine so guten Erfahrungen gemacht hatten. Caprichosa hat ausserdem auch eine Narbe am hinteren Röhrbein, die z.B von einem Stacheldraht verursacht worden sein könnte. Caprichosa und ihre Schwester waren so scheu, man konnte sie in der ersten Zeit garnicht anfassen. Aber die Stütchen waren ja zum Glück nun nicht mehr in Spanien und sollten uns Menschen als Freunde und Beschützer kennenlernen. Langsam wurden sie dann auch immer zutraulicher, bis sie ihre ganze Scheu abgelegt hatten. Die Fohlen waren den ganzen Tag über draussen in einem großen Auslauf mit Hütte und angrenzender Weide, zusammen mit zwei anderen Spanischen Stuten, mit noch Hengst Shahi und Hengst Lucero. Shahi und Lucero waren im angrenzenden Auslauf. Alle fühlten sich wohl und pferdeglücklich.
Ich entschloss mich Shahi mit 2 Jahren legen zu lassen. Er war sehr hengstich und dominant und es war schwer mit ihm klar zu kommen. Nachdem Shahi sich von der Kastration erholt hatte, dachten wir, dass es vielleicht funktionieren könnte ihn wieder mit Lucero auf die Koppel zu stellen, da sie ja schon lange Kumpels waren. Doch wir irrten uns. Lucero akzeptierte ihn nicht mehr und beschloss, dass er ab jetzt sein Feind ist. Er hat meinen Shahi über die Koppel gejagt wie ein Irrer. Er ist immer wieder mit offenem Maul auf ihn zu gehetzt. Wir wollten eingreifen, hatten aber keine Chance ihn zu stoppen. Shahi war schon völlig fertig und da rettete er sich mit einem Verzweiflungssprung über den Zaun, der so hoch war wie er selbst. Ich hielt den Atem an, aber zum Glück landete er auf allen vier Beinen und hat sich nicht verletzt.
So kam es nun, dass Shahi sich unter lauter Stuten wiederfand. Die Zwei älteren mochte er nicht , aber unsere Fohlen hatten es ihm angetan. Und vor allem Caprichosa hatte an ihm auch einen Narren gefressen. Sie folgte ihm fast auf Schritt und Tritt. Eine Pferdeliebe nahm ihren Anfang.
Bald darauf starb Caprichosas Schwester in der Klinik an einer schweren Kolik. Sie hatte schon oft leichtere Koliken gehabt und wahrscheinlich das ganze aus Spanien mitgebracht. In der Klinik meinten sie, der ganze Darm wäre kaputt gewesen und man hat sie in Spanien wohl nie entwurmt. Caprichosa hat zum Glück nie Koliken gehabt.
Als Caprichosa 1,5 Jahre alt war, eröffnete mir Ivonne, dass sie sich eine alte Schmiede gekauft haben. Es hatte dort nur Platz für 2 Pferde. Caprichosa sollte verkauft werden und ich musste mich mit Shahi auch nach einem neuen Plat umsuchen. Ich war sowieso schon auf der Suche, da ich jetzt immer 50km zu Shahi fahren musste. Und so fand ich bei mir um die Ecke den jetzigen Offenstall. Es war dort ein seperater Offenstall für 2 Pferde frei, und da ich ja nur eines besaß, entschloss ich mich kurzer Hand die kleine Caprichosa zu kaufen. Da sich die Zwei so gern hatten und Andalusier schon immer meine Traumpferde sind, habe ich über diesen Entschluss garnicht lange nachgedacht und Shahi und mir einen Gefallen getan. Es war das Beste was mir passiert ist, und ich habe es bis heute noch keine Sekunde bereut. Caprichosa ist ein Engel! Und so sind wir im September 1999 umgezogen. Shahi und Capri sind ein richtiges Pferdeehepaar geworden und ich würde sie für kein Geld der Welt jemals trennen.
Nun sind wir fast schon 12 Jahre in dem Stall. Wir hatten viele Probleme zu bewältigen. Ich musste mich immer wieder hinterfragen, mir Hilfe holen und an meinen Fehlern arbeiten. Nicht die Pferde sind fehlerhaft, sondern einzig und allein derjenige der mit ihnen umgeht. Pferde geben uns die Chance hinzuhören und hinzuschauen. Wenn wir diese nutzen, dann werden wir auch im Stande sein zu erkennen was sie uns sagen wollen! Pferde sind so wunderbare Geschöpfe und Lehrmeister fürs Leben. Man muss nur den Mut haben seine eigenen Bedürfnisse, die der Pferde unterzuordnen. Der Drang nach Perfektionismus und der egoistische Ehrgeiz im Umgang mit Pferden, hindert uns daran Pferde verstehen zu lernen. Ich möchte keine Schleife gewinnen um dadurch Anerkennung von fremden Menschen zu erhalten. Was nützen diese Belobigungen, wenn das Pferd für uns funktionieren muss? Man kann soviel mit seinen Pferden erreichen ohne sie zu fragwürdigen Leistungen zu zwingen. Jeden Tag aufs Neue hinterfragen, informieren und zuhören. Das ist das wirkliche Glück, dass man mit Pferden erlebt!
Durch Shahi bin ich gewachsen und habe so viele Erkenntnisse über mich und den Umgang mit ihm gewonnen — auch heute noch. Vor allem er hat mir Stärke und Selbstvertrauen gegeben und er hat mir gezeigt, dass man nur etwas verändern kann wenn man bei sich selbst anfängt. Meine beiden Pferde sind ein Teil von mir und bleiben es für immer!
” Alle Augen schauen, wenige beobachten, sehr wenige erkennen”
(Albert Sanches Pinol)
Carola Götz, Januar 2011
